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  Stellvertretende Buße

    Warum fordert sie Buße? Was wird mit der Buße beabsichtigt?


Ist es möglich, daß die Kinder des Lichts Buße für die Untaten der Kinder der Finsternis tun können, und das auch noch nachträglich und auf die Vergangenheit bezogen? Hat die Finsternis auf diese Weise Anrecht auf die Gemeinschaft mit dem Licht? Sollen die Kinder des Lichts für die Schuld der Kinder der Finsternis bezahlen? Was sagt die Schrift?

Warum fordert sie Buße? Was wird mit der Buße beabsichtigt? Buße ist ein Gnadenakt. Sie soll für den Übeltäter Umkehr vom falschen Weg und somit Rettung vom Verderben bewirken. Tut der Übeltäter keine Buße, kann ihm keine Rettung mehr in Aussicht gestellt werden, sei der Übeltäter nun eine Einzelperson oder ein Kollektiv. Worüber soll er denn Buße tun? Über das von ihm ausgelöste Vergehen und die von ihm verursachte Schuld, also über die begangene Sünde, die Gottes gerechten Zorn in Bewegung setzt. „Sünde ohne Buße führt zum 'Zweiten Tod' ", sagt Thomas Watson ganz im Einklang mit Gottes Wort. Buße greift also erst, wenn Einsicht und Reue beim Übeltäter selbst vorhanden ist.

Ist Schuld übertragbar?
Eines der strittigen Elemente scheint auch der Zeitpunkt der Buße zu sein. Kann das erklärte Ziel der Buße noch nach Jahrhunderten oder Jahrzehnten - notgedrungen nun per Stellvertretung - wirksam erreicht werden? Diese Überlegung beinhaltet natürlich auch die Klärung der Schuldfrage, die die Buße erforderlich macht. Ist die Schuld denn einfach so übertragbar? Wenn sie es nicht ist, hat die stellvertretende Buße keinen Platz. Jeremia sagt dazu: „Zu derselben Zeit wird man nicht mehr sagen: 'Die Väter haben Herlinge gegessen, und der Kinder Zähne sind stumpf geworden'; sondern ein jeglicher wird um seiner Missetat willen sterben, und welcher Mensch Herlinge ißt, dem sollen seine Zähne stumpf werden."1 Dieser Gedanke findet auch bei Paulus Akzeptanz, wenn er bedauert, daß er sich nicht zur Rettung seiner Brüder „nach dem Fleisch" hingeben kann.2 Paulus tut aber nirgends Buße für jüdische, römische oder griechische Schandtaten. Er beugt sich nirgends unter die Sündhaftigkeit der Heidenwelt, sondern er predigt ihr Gericht und Verdammnis, wenn sie nicht umkehrt und selber für ihre Sünden Buße tut.

Geistliche Sippenhaft?
Aus Jesu grundsätzlicher Verhaltensweise dem Sünder gegenüber können wir entsprechende Schlüsse auf die stellvertretende Buße ziehen. Ein Beispiel im Umgang mit dem Gichtbrüchigen3 kann uns dabei helfen. Der Herr fragt den Kranken nicht, ob er gesündigt habe, sondern sagt zu ihm: „Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben." „Deine Sünden", das ist sehr persönlich und wissend gesprochen. Jesus schreibt ihm die Verantwortung für seine Sünden zu, nicht der Umwelt, noch dem nationalen Sündenpaket oder gar der fehlerhaften Erziehung bzw. der Sündhaftigkeit seiner Vorfahren. Er belegt auch nicht die vier Freunde mit den Sünden des Leidenden, er nimmt sie also nicht etwa in eine Art geistlicher „Sippenhaft." Und gerade in dieser Direktheit Jesu liegt etwas sehr Beruhigendes. Der Sünder muß weder für seine Vorväter noch für seine Nation stellvertretend sühnen und Rechenschaft ablegen, sondern einzig und alleine für sich selbst. Dabei lohnt es sich 2. Mose 20:5 mit Hesekiel 18:20 zu vergleichen und Psalm 51:3-7 mit ins Kalkül zu ziehen, wo der Nachdruck auf der persönlichen Note liegt: „meine Sünden", „meiner Missetat" und „an dir allein habe ich gesündigt" .

Soziologische Alibi-Funktion?
Der Herr vollzieht am Kranken eine Wurzelbehandlung. Er fängt an der richtigen Stelle mit dem Heilungsprozeß an: „Deine Sünden", nicht die Sünden anderer! Er listet sie nicht einmal auf. Er untersucht nicht einmal die Vergangenheit des Mannes. Wir finden keine Analyse, kein Abtasten nach vergangenen emotionalen Verletzungen, keine Vorwürfe, kein Aufarbeiten von Schuld, keine Bußübungen, nicht einmal die Beichte wird ihm abgenommen. Der Mann und seine eigene Sünde stehen ausschließlich, hier pauschal gebündelt, im Mittelpunkt. Und der so Angesprochene leistet keine Widerrede! Darin finden wir gewiß den Ausdruck seiner echten Herzensbuße. Er stellt sich zu seiner Verantwortlichkeit! Jarrett-Kerr hat schon recht, wenn er überzeugt ist, daß ohne Buße die Sünde nur eine Alibi-Funktion einnimmt als psychologisches, medizinisches, soziologisches, frommes, intellektuelles und aktivistisches Alibi. Aber in unserem Fall lag echte persönliche Buße vor, denn sonst hätte Christus nicht gesagt: „Deine Sünden sind dir (!) - keinem anderen - vergeben"! Welch herrliche Befreiung! Mit Rumpf und Stumpf vom Verderben erlöst. Kein Wunder jubelt schon David begeistert: „Der dir alle deine Sünden vergibt und heilet alle deine Gebrechen ..."

Entlarvt!
Ich meine, der Widersacher der Menschen setzt immer wieder eine sehr fromm anmutende List ein, um uns von der Verkündigung des Evangeliums abzuhalten. Er beschäftigt uns bis zum Umfallen mit stellvertretenden Bußübungen für die Dinge des Fürsten dieser Welt, die nichts mit der Gemeinde Jesu zu tun hatten noch haben, im Gegenteil, sie beeinträchtigten und behinderten sie. Da werden uns zum Beispiel die Kreuzzüge vorgehalten sowie alle erdenklichen Kriege der Vergangenheit, Regierungen und Regierungssysteme, Kolonialismus und Rassismus, und alles, was uns nicht rechtens erscheint, damit wir nicht auf den Gedanken kommen, den Sünder heute und jetzt zur Buße und Umkehr zu rufen. Wenn der Teufel in Lichtsgestalt auftritt, ist das immer eine beeindruckende Vorstellung, nur sollten wir nicht darauf reinfallen. Im Lichte des Kreuzes Christi sind er und seine Machenschaften entlarvt!

C.S. Lewis schrieb schon 1940: „ Der junge Mensch, der aufgerufen wird, für Englands Außenpolitik Buße zu tun, soll in Wirklichkeit für das Handeln seines Nächsten Buße tun; denn ein Außen- oder Innenminister ist eindeutig ein Nächster. Und Buße setzt eine Verurteilung voraus. Die größte und verhängnisvollste Verlockung, die ein Aufruf zu einer Buße für unser Land in sich birgt, besteht deshalb darin, daß es uns ermutigt, die bittere Pflicht des Bußetuns für unsere eigenen Sünden mit der angenehmen zu vertauschen, das Verhalten anderer zu beklagen - aber zuerst noch tüchtig darüber herzuziehen." Lewis ist überzeugt, daß solch eine Flucht aus der persönlichen Buße in jene verlockende Sphäre, wo böse Lüste unverboten wuchern und niemand ist, der sie beim Namen nennt, der persönlichen Feigheit eines jeden von uns gelegen käme.

Die Gesegneten des Herrn
Jeremia hatte da wohl auch seine Erfahrung gemacht, deshalb klagt er: „Wie murren die Leute im Leben also? Ein jeglicher murre wider seine eigne Sünde."5 Erst wenn das geschieht, kann es besser mit uns und unserer Welt werden. Mit Interesse bemerken wir bereits im Alten Testament6, daß der Sünder persönlich ein vorgeschriebenes Opfertier für seine Übertretung zu erbringen hatte. Keiner konnte ein Opfertier zur Sühne der Sünde eines anderen darbringen, da die notwendige persönliche Identifikation, und die damit ausgedrückte Buße, fehlte. Unser Opferlamm und unser Hohepriester ist Jesus. Nur in IHM ist Versöhnung. Ihm muß sich in persönlicher Reue zuwenden, wer Seine zurechtbringende Vergebung in Anspruch nehmen möchte, sei es eine Einzelperson oder ein schuldiggewordenes Kollektiv. Kein anderer kann es stellvertretend tun, weil das nicht der Absicht und dem Ziel der Buße entspricht.

In Daniels wunderbarem Bußgebet für Gottes Volk7 , zu dem auch er gehört, tut er mit keiner Silbe Buße für die Übertretungen und Untaten der heidnischen Unterdrücker. Licht und Finsternis erfreuen sich hier keinerlei Gemeinschaft. Er stellt sich unter die Schuld, die ihn wirklich und unmittelbar in der Gegenwart mit betrifft und wirkt so „rechtschaffene Früchte der Buße".

Buße, die so erfolgt, braucht keine unzähligen gebetsmühlenhaften Wiederholungen und Verrenkungen. Heidnische Angst vor vererbter Belastung und möglichem Fluch ist für all die annulliert und restlos beseitigt, die in Christus Jesus Vergebung und Rechtfertigung erlebt haben. Sie sind die Gesegneten des Herrn!


 - HERBERT ROS







photo: Barry Murry by Lee Cantelon


Kennt die Bibel ein Lohndenken?

 
       
 

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